Foto

Südkurier, 17. September 2008

Gefangenschaft als Experiment
Lucerne Festival: Joachim Schloemer betanzt Mozarts "Entführung aus dem Serail"

Eine Entführung ist kein Spiel. Dennoch hat Wolfgang Amadeus Mozart ein Singspiel daraus gemacht - die "Entführung aus dem Serail." Das Stück wirkt auf den ersten Blick so leicht und luftig komponiert, dass niemandem wirklich bange werden muss angesichts der eigentlich düsteren Sujets: zwei Paare wurden entführt und befinden sich jetzt in der Herrschaft eines türkischen Herrschers, des Bassas Selim. Da ließen sich dunkle Szenarien beschwören, doch wirklich hilflos wirken die Gefangenen nicht, da mag der Oberfiesling Osmin auch noch so ausgiebig von den übelsten Foltermethoden träumen.

Eine Entführung ist kein Spiel, mag sich auch der Choreograph und Regisseur Joachim Schloemer gedacht haben, als er sich zusammen mit dem Freiburger Barockorchester Mozarts Oper vorknöpfte. Aber ein Singspiel kann eine Versuchsanordnung sein. Und so wird aus Mozarts "Entführung" unter Schloemers Händen ein psychologisches Experiment, ein bisschen wie in Mario Giordanos Buch "Black Box", das Oliver Hirschbiegel verfilmt hat. Ein paar Gefangene werden sich selbst überlassen. Oberaufseher Bassa Selim (hier mit Halbmaske und besetzt mit einer Frau: Marianne Hamre) beobachtet die Entwicklungen und macht sich Notizen.

Verdopplung und Verfremdung sind die Mittel, mit denen Schloemer - Leiter von pvc Tanz Freiburg-Heidelberg und in diesem Sommer Artiste étoile beim Lucerne Festival - arbeitet. Den fünf Gesangssolisten [...] gesellt er jeweils ein tanzendes Alter Ego an die Seite. Murielle Elizéon, Clint Lutes, Graham Smith, Alice Gartenschläger und Tommy Noonan sind die stummen Seelen der fünf Gefangenen.

[...] im Laufe des zweiten Aktes beginnt das Gleichgewicht zu wanken. Einzelne Nummern werden umgestellt - die ursprüngliche Ordnung gerät aus den Fugen. Wenn Konstanze "Von Martern aller Arten" singt und dabei von ihrem Alter ego gefesselt wird, so scheinen Text, Musik und Handlung noch übereinzustimmen. Immer öfter jedoch werden die Figuren von ihren inneren Schweinehunden überwältigt und gedemütigt, auch wenn sie nach außen hin von Liebe, Jubel und Wiedersehensfreude singen. Mozarts Musik verkraftet eine solche Behandlung nicht nur, sie verlangt geradezu danach. Denn die Doppelbödigkeit ist ihr ja durchaus vertraut - zumal wenn sie mit so viel Gespür für die Verquickung von gedämpften Farben und entfesseltem Spiel interpretiert wird wie vom Freiburger Barockorchester unter Leitung von Attilio Cremonesi.

Gerade für die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich in Gefangenschaft findet Schloemer bedrückende Bilder: Körper, die in Aquarien schwimmen wie Damien Hirsts präparierte Tiere (Bühne: Jens Kilian); Gesichter, die sich mit Smiley-Masken zum Lächeln zwingen; kniende, an die Leine gelegte Menschen - Bilder, die an Szenen aus Guantanamo erinnern, ohne jedoch plakativ zu werden.

Die Verfremdung tut ihr übriges. Ursprünglich sollte der Komponist Johannes Harneit in Auseinandersetzung mit Mozarts Musik eine weitere Ebene zu dem Stück hinzufügen. Daraus wurde nichts. Der Rahmentrommler Murat Coskun hat stattdessen mit dem Barockorchester einige Improvisationen entwickelt, die vor allem die Dialoge flankieren und ins Bedrohliche rücken. Möglich, dass Schloemers ursprünglicher Ansatz hier noch eine viel stärkere Radikalität vorgesehen hatte. Unberührt lässt einen dieses Experiment allerdings auch so nicht.

Elisbaeth Schwind