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Neue Zürcher Zeitung, 20. Mai 2003

Kein Entrinnen
"Massacre" von Wolfgang Mitterer im Ronacher

Für einmal also ins Ronacher, das hübsche Theater im ersten Wiener Stadtbezirk, das sonst Dinge wie "Cats" beherbergt. Der Vorhang ist schon offen, nackt und bloss präsentiert sich die schwarz bemalte Bühne, auffällig einzig die überlebensgrossen weissen Kerzen, sieben an der Zahl. Entschiedenen Schrittes treten die Darstellerinnen und Darsteller auf, ihrer neun sind es, alle ebenfalls schwarz gekleidet. Sie bilden eine strenge Kolonne - aus der dann, zu einer leisen, absteigenden Bewegung des Klaviers, eine Frau in einen gleissenden Scheinwerferkegel tritt. Es ist die Königinmutter, deren Handschuhe mit Gift versetzt wurden und die nun ihre Sinne schwinden fühlt. So hebt denn die Bartholomäusnacht vom 24. August 1572 an: in "The Massacre at Paris" von Christopher Marlowe aus dem Jahre 1592 und in der jetzt auf diesem Stück aufbauenden Oper des Österreichers Wolfgang Mitterer.
Ein niederschmetternder Abend. Mord und Totschlag, eins zu eins, neunzig Minuten lang. Alle gegen alle, das ist das Prinzip: Katholik gegen Protestant, Mutter gegen Sohn, Ehefrau gegen Ehemann, Berater gegen König und umgekehrt - Marlowe bringt das seinem Publikum mit aller Drastik vor Augen. Und Stephan Müller, der ehemalige Direktor des Zürcher Neumarkt-Theaters, der heute am Wiener Burgtheater wirkt, macht diesbezüglich keine Abstriche. In der Einrichtung des Stücks, die er zusammen mit dem Komponisten vorgenommen hat, werden zwar verfremdende Züge eingeführt, indem die genaue Zuordnung von Text und Figur aufgehoben und ausserdem auf eine Übersetzung aus dem alten Englischen verzichtet wird; dennoch bleibt das schauerliche Geschehen in einer durchaus konkreten Weise präsent.
Und die Musik, sie unterstreicht es nach Massen. Während Komponisten wie Luigi Nono und Helmut Lachenmann, Beat Furrer und Salvatore Sciarrino das Leise erkunden, mithin an der Kontrastfolie zu der von Lärm erfüllten Gegenwart arbeiten, hat es Wolfgang Mitterer mit dem Lauten. Von Haus aus Organist, neigt der 1958 geborene Österreicher der elektronischen Musik wie dem experimentellen Jazz und dem kollektiven Improvisieren zu. So gibt es in dieser Partitur für fünf Sänger und neun Instrumente Phasen des Innehaltens, ja selbst Dreiklänge und Sextakkorde, es dominieren aber der harte Schlag, die extreme Stimmlage und die klangliche Ballung - zumal das Ganze elektronisch verstärkt und, zusammen mit einer Folge vorgefertigter Klänge, in den Zuschauerraum projiziert wird. Extrem die Kontraste - etwa zwischen der Freiheit, die in der Partitur notierten Töne bloss approximativ zu treffen, und der Strenge, mit der die elektronische Uhr den Fluss des Geschehens regelt. Und zugespitzt die vokalen Äusserungen; was die Sänger der Wiener Taschenoper und die Instrumentalisten unter der Leitung von Peter Rundel bei dieser Uraufführung im Rahmen der Wiener Festwochen leisten, kann man nur bewundern.
Nur logisch, dass der Regisseur und Choreograph Joachim Schloemer, der hier wie schon bei Monteverdis "Orfeo" in Stuttgart mit der Ausstatterin Katrin Brack zusammengearbeitet hat, diese Linie aufnimmt. Aus dem formalisierten Anfang entwickelt sich ein Spektakel des Tötens, das die reality show, die uns das Fernsehen in die Stube bringt, noch zu übertreffen sucht. Ganze Batterien schwarzer Flaschen stehen hinten an der Wand; sie enthalten jenen Tomatensaft, den das Theater verwendet, wenn Blut fliessen soll. Dem einen Opfer wird er in den Mund geträufelt, auf dass er, wenn der Kopf dann in dem mit Wasser gefüllten Plasticsack steckt, wieder heraustritt. Dem anderen werden die Hosen heruntergerissen, wird der Kopf in eine Tüte gesteckt und der Körper mit schwarzer Farbe bemalt. Wieder andere werden mit Hilfe von Plastictüten erdrosselt, ein Nächster torkelt mit abgeschlagenem Kopf über die Bühne, ein Weiterer wird von oben bis unten weiss angestrichen - eine Revue des Grauens.
Nur: warum das alles? Welchen Beitrag leisten dies Stück und diese Uraufführung zum Problem der kontinuierlich steigenden Gewaltbereitschaft? Marlowe mochte noch mit dem Informationsbedürfnis und der Sensationslust seiner Zuschauer rechnen dürfen, auch könnte man an den kathartischen Effekt erinnern, den das Theater alter Übereinkunft gemäss erzielen soll - im Zeitalter der eingebetteten Reporter ist beides hinfällig. Tatsache ist vielmehr, dass die Brutalität des musikalischen Geschehens und die explizite szenische Darstellung die Zerstörungswut ungefiltert auf den Zuschauer übertragen und keinerlei produktive Energie freisetzen. Das Stück führt uns vor, was wir tagtäglich erleben: sublimiert in unseren Betrieben und auf unseren Strassen, in konkreter, wenn auch medial vermittelter Form am Bildschirm. Und es zeigt uns, was wir längst wissen - ein tautologischer Ansatz, der weder Ansichten verbreitet noch Einsicht fördert, nur einmal mehr die Schlechtigkeit des Menschen beklagt. Das ist doch ein bisschen wenig.

Peter Hagmann